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Weil foobar nun mal jeder kann.

Ich hab Abi und mag Computer => Ich studiere Informatik

Gelaber vom 31.07.2018

Ab Mitte Oktober ist es wieder soweit: Die neuen Erstsemester strömen an die Universitäten und Hochschulen. Unter ihnen werden sich auch wieder zahlreiche Informatikerstis befinden, denn die Zahl der Erstsemester für Informatik geht bei uns in Göttingen kräftig nach oben. Mein Jahrgang 2013 hat damals mit rund 100 Leuten begonnen, davon haben bis jetzt, nach zehn Semestern, 17 einen Bachelorabschluss. Da die Regelstudienzeit sechs Semester beträgt und man bei uns nicht länger als zwölf Semester für den Bachelor studieren darf, wird diese Zahl vermutlich auch nicht viel größer werden. Und woher kommt eine so niedrige Absolventenzahl?

Ich habe mich vor Studienbeginn sehr intensiv mit diesem Studium beschäftigt (dachte ich), habe zahlreiche Beratungsgespräche geführt, Infoveranstaltungen wahrgenommen und die Website der Fakultät studiert. In der Schulzeit war Mathe immer mein Fach, nie hatte ich Probleme damit und selbst die Abiprüfung hat mir richtig Spaß gemacht. Im mathematischen Propädeutikum an der Uni, einem Vorkurs vor Studienbeginn für die Mathe- und Informatikerstis, habe ich erstmalig richtige Schwierigkeiten mit Mathe gehabt und gemerkt, dass mir trotz Zentralabitur einige wichtige Sachen einfach fehlen. Manche Kommilitonen konnten aus dem Stand einen perfekten formalen Beweis dahinschreiben und ich brauchte ewig und drei Tage, um eine vollständige Induktion mal auf die Reihe zu kriegen. Und schon gehörte ich nicht mehr zu den Matheassen, sondern eher zur großen Masse an Studenten, die im Kopf eine immer länger werdende Liste mit Sachen haben, die sie nochmal wiederholen müssten. Das war schon ungewohnt... Und es zog sich auch durch die ersten Wochen und Monate des Studiums. In Mathematik für Informatik Anfänger I (MafIA I) kam ich kaum mit Mitschreiben hinterher. Die wöchentlichen Übungen trieben mich regelmäßig zur Verzweiflung und immer mehr machte sich das Gefühl breit, das alles sei eine Nummer zu groß für mich.

"Bis Nikolaus ist die Hälfte weg, das ist immer so", sagte einmal ein Drittsemester zu mir, der MafIA I schon zum zweiten Mal hörte. Und so war es auch, der Hörsaal wurde von Woche zu Woche leerer. Viele der großen Schwätzer aus der O-Woche waren wie vom Erdboden verschluckt und in den Übungen merkte man schnell, wie hoch die Erwartungen der Dozenten waren und wer dem halbwegs gerecht werden konnte. Doch trotz alledem kam ich relativ gut durch die erste Klausurenphase, nicht mit grandiosen Noten aber ich bestand alles beim ersten Versuch. Das brachte neuen Mut, der jedoch im zweiten Semester gleich wieder genommen wurde. Vier Klausuren, viermal durchgefallen. Das kostete mich meine gesamten Sommerferien. Jedoch habe ich in dieser Zeit gelernt, wie ich mich am besten auf Klausuren vorbereiten kann und dass es einfach viel Zeit und Mühe braucht, um das alles zu meistern.

Dieses Informatikstudium war im Bachelor tatsächlich sehr anders, als ich es mir vorgestellt habe. Neben einem Viertel Mathe lernten wir die Grundlagen des Programmierens kennen und die wichtigsten Kernbereiche der Informatik. Und dazu gehörten viel zu oft auch ewig lange Lernzettel und stupides Auswendiglernen. Man lernt nun mal die Grundlagen und schnuppert in alle Bereiche einmal rein, und für alles Interessante hat man einfach viel zu wenig Zeit. Dazu kommt ein Anwendungsfach, wie Biologie, Medizin oder Mathematik, denn in Göttingen studiert man Angewandte Informatik. Da saß ich also in meinem Anwendungsfach Neuroinformatik auf einmal mit Bio- und Psychologiestudenten im Hörsaal und versuchte, mir das zentrale Nervensystem ins Gedächtnis zu prügeln. Glücklicherweise hab' ich gleich zu Anfang des Studiums einige Leute gefunden, mit denen ich gut lernen konnte und die mich sogar bis zum Ende des Masters begleiten werden. So eine gute Lerngruppe ist die halbe Miete, alleine wäre das eine ganz andere Nummer geworden.

Und warum erzähle ich das alles? Ich habe mir das Informatikstudium ein bisschen so vorgestellt wie das populäre Arbeitsleben bei Google. Man entwickelt unheimlich coole Sachen und wird zum großen Programmiermeister. Doch so ist es leider viel zu wenig. Den Großteil meiner Programmierskills habe ich mir in meiner Freizeit und über meine Jobs beigebracht, denn davon lebt dieser Studiengang in meinen Augen. In der Uni lernt man die Grundlagen und zu Hause macht man die coolen Projekte (sofern man dazu Lust und Zeit hat). Die meisten Leute haben ein vollkommen falsches Bild von diesem Studium und gerade Studienanfängern wird das Jahr für Jahr zum Verhängnis. Die Abbrecherquoten sind für niemanden schön, am wenigsten aber für die Studenten, die auf der Strecke bleiben. Ich möchte daher mal ein paar Punkte auflisten, die meiner Meinung nach unbedingt bei einem Informatikstudium zu beachten sind:

  • Vor Studienbeginn anständig informieren. Viele Institute bieten Beratungsgespräche an und viele Studenten geben gern Auskunft über ihr Studium. Bei uns im Institut findet man immer nette Leute, die wertvolle Tipps geben und von ihren Erfahrungen berichten. So bekommt man nochmal ein etwas anderes Bild als von Informationsveranstaltungen oder der Fakultätswebsite.

  • Nicht von Blendern beeindrucken lassen. Schwätzer hat man in vielen Fächern und gerade in der Informatik gibt es viele, die schon vor dem Studium viele Erfahrungen mit dem Programmieren gesammelt haben. Die erzählen einem dann wie einfach das alles ist und sind nach 6 Wochen einfach verschwunden. Daran darf man sich nicht orientieren, das zieht einen selbst nur runter und nimmt viel Kraft und Motivation.

  • Eine gute Lerngruppe suchen. Ganz wichtig in so einem Studium sind Leute, mit denen man gut zusammenarbeiten kann. In einer Gruppe lerne ich immer besser und man bekommt ein gutes Gespür dafür, wie gut man den Stoff wirklich beherrscht. Außerdem werden praktische Projekte immer (!!) in Gruppenarbeit durchgeführt und nichts ist lästiger, als eine Gruppe voll mit Flaschen. Wenn man sich schnell mit den richtigen Leuten zusammentut, dann hat man lange was davon.

  • Disziplin. Durch solch ein Bachelorstudium kommt man nicht einfach mit beeindruckenden Vorerfahrungen und tollen Redekünsten. Die Klausurenphasen verlangen einem regelmäßig alles ab und man wird oft am Schreibtisch sitzen und das alles verfluchen. "Im Studium lernt man nicht einfach nur Stoff, man lernt zu knüppeln", sagte mal eine Kommilitonin zu mir. Und so ist es auch, von nichts kommt nichts!

Ich habe meinen Bachelor dann nach sieben Semestern abgeschlossen und habe direkt im Anschluss den Master begonnen, bei dem ich mich auf meine Interessen fokussieren kann und der mir richtig Spaß macht! Das alles hat sich also für mich wirklich gelohnt :)


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